Aktuelle Debatte ‚Ganztag‘

 

Zais: Ganztägig lernen – Erfolgsmodell der sächsischen Ganztagsangebote weiter entwickeln und Bildungschancen unserer Kinder verbessern!

Rede der Abgeordneten Petra Zais in der Aktuellen Debatte auf Antrag der Fraktionen CDU und SPD zum Thema: ‚Ganztägig lernen – Erfolgsmodell der sächsischen Ganztagsangebote weiter entwickeln und Bildungschancen unserer Kinder verbessern‘  – 62. Sitzung des Sächsischen Landtags, 15. November, TOP 3

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen,

es ist keine gute Zeit für die Koalition. Bildungspolitisch befinden sie sich in der größten Krise seit 27 Jahren. Akuter Lehrermangel als Folge einer desaströsen Personalpolitik, massiver, nicht mehr zu kaschierender Unterrichtsausfall, besorgte und aufgebrachte Eltern, Schulen sehen sich in Not – nicht verwunderlich, dass der Kreiselternrat Erzgebirge den Koalitionsparteien jeweils die Note 6 im Fach Bildungspolitik verpasst hat. Ihre eigene Umfrage hat das bestätigt: 86 Prozent der Sachsen finden, dass sie bisher keine ausreichend gute Schul- und Bildungspolitik betrieben haben. Das ist der höchste Unzufriedenheitswert über alle abgefragten Politikfelder. Was liegt da näher, als Erfolgsmeldungen mit dem Ziel zu verbreiten, vom Versagen abzulenken.

Ja, Sachsen hat – nimmt man die Bertelsmann-Studienergebnisse zur Hand – bundesweit mit 97,4 Prozent den höchsten Anteil von Schulen mit Ganztagsangeboten, 77 Prozent der Schülerinnen und Schüler nehmen an Ganztagsangeboten teil – Tendenz steigend. Betrachtet man die rein quantitative Seite, ist das bereits seit Jahren so.

Sachsen entspricht damit dem Elternwillen, denn 90 Prozent der Eltern wünschen sich eine Schule mit Ganztagsangeboten, die gute Betreuung und Flexibilität bietet. In Sachsen dominiert – auch aufgrund der seit 2013 pauschalisierten Förderung das additive Modell – knapp zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler nutzen Ganztagsangeboten nach Unterrichtsschluss. Für ein reichliches Drittel ist die Ganztagsschule in gebundener Form an mindestens drei Tagen mit jeweils sieben Zeitstunden verpflichtender Teil des Schulalltags. In diesem Kontext ist das Fazit der Begleitforschung der TU-Dresden zu den positiven Effekten dieser Ganztags-Form bei künftigen Entscheidungen zu beachten.

Gleich in welcher Form Ganztagsangebote stattfinden – sie beinhalten immer beide Aufgaben „ganztägige Betreuung und ganztägige Beschulung“.

Und da liegt der Hase im Pfeffer, denn beim Blick auf die qualitative Seite wird klar – auch in Sachsen ist nicht überall Ganztagsschule drin, wo Ganztagsschule draufsteht. Deutlich weniger Ganztagsangebote werden von Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt. Freizeitangebote wachsen, während es bei den Förderangeboten zunehmend schwieriger wird, geeignetes Personal zu finden. Der Einbezug externer Kooperationspartner für Förderangebote gestaltet sich hinsichtlich der Eignung und Kompetenz oftmals schwierig. Wie das mit dem Anspruch individueller Förderung zu vereinbaren ist, steht auf einem anderen Blatt.

Was bei den Gesprächen vor Ort immer wieder zur Sprache kommt, ist die teils nicht zufriedenstellende Zusammenarbeit zwischen Grundschule und Hort. Besonders größere Horteinrichtungen haben durch die Trennung von AG und Ganztagsangeboten in unterschiedlichen Häusern erhebliche Probleme mit der Tagesstrukturierung und dem Zugang zur finanziellen Ressourcen der Ganztagsangebote. Hier fordern wir Sie auf, stärker zu kontrollieren, wie das gewünschte kooperative Miteinander in der Praxis tatsächlich aussieht.

Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen,

quantitativ ist bei Ganztagsangeboten in Sachsen kaum Luft nach oben – die kurzfristigen Zielsetzungen der Ganztags-Konzeption sind erreicht. Jetzt kommt es darauf an, ein gemeinsames Qualitätsverständnis und praktikable Verfahren für die schulinterne Evaluation zu entwickeln. (Kurth) Da sind wir uns einig. Allerdings fragen wir uns, wer nach dem Verzicht auf externe Schulevaluierung (2015) und der Auflösung des Sächsischen Bildungsinstituts, diese Arbeit machen soll. Aber da, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, wären wir wieder beim Anfang und dem Grundproblem der Koalition: Der tiefgreifenden Krise ihrer Bildungspolitik und dem Ausbleiben von tragfähigen Lösungen für die akuten Problemlagen.

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